Von edlen Rittern und singenden Schneckenhengsten

Auch in Bleicherode wurden schon immer gern Geschichten erzählt. Und am liebsten solche, in denen es richtig hoch her ging! Hier lesen Sie zwei der Sagen, die noch heute jedes Kind in Bleicherode kennt:

 

Warum aus pfiffigen Bleicherödern eines Tages Schneckenhengste wurden

Schwere Zeiten hatte der kleine Ort Bleicherode Anfang des 17. Jahrhunderts zu überstehen: Viele Menschen erlagen dem „Schwarzen Tod“, gleich zwei Pest-Wellen suchten die Stadt heim und brachten Elend über unzählige Familien. Diejenigen, die der Krankheit widerstanden, mussten erleben, dass wildernde Kriegerhorden in die Stadt einfielen. 

So im Elend zurückgelassen, verharrten die Bleicheröder nicht in ihrem Jammer; sie suchten nach Möglichkeiten, ihren kargen Tisch reicher zu decken: Im zeitigen Frühjahr, wenn die Sonne ihre ersten wärmenden Strahlen über die Wiesen und die Berge schickte, sammelten Groß und Klein die hier massenhaft vorkommenden Weinbergschnecken. Sie galten schon damals in fürstlichen Kreisen als Delikatesse. Also konnte das Getier, das noch fest in seinem Schneckenhaus steckte, für einiges Geld auf großen Messen verkauft werden. 

Flink wurden die gesammelten Leckerbissen in große Körbe gefüllt, diese auf Leiterwagen gehievt und dann nach Leipzig zur Messe gebracht. Und wie die Bleicheröder sahen, dass genug Geld mit den gesammelten Schnecken verdient werden konnte, um die hungrigen Mäuler ihrer Familien zu stopfen, sammelten sie auch im nächsten Frühjahr fleißig viele Weinbergschnecken für die Messe.

Einer unter ihnen jedoch dachte bei sich: „Warum soll ich bis zum nächsten Jahr warten? Ich sammle einfach in diesem Frühjahr weiterhin Weinbergschnecken für die Messe. Sollen sich die Fürstlichen nur genug daran laben – ich habe dann schnell das Doppelte verdient!“ Gedacht – getan: Er ließ Weib, Kind und Altenteil erneut in die Bleicheröder Berge ziehen auf dass sie die Körbe bis oben mit Schnecken füllten. Seinen Wagen, beladen mit den Körben voller Weinbergschnecken lenkte er ein zweites Mal in diesem Jahr nach Leipzig zur Messe. 

Die Sonne stand nun schon höher und wärmte die Erde einige Stunden am Tag. Die behaglichen Strahlen weckten auch die Schnecken auf: Langsam, auf schneckenart befreiten sie sich aus ihren winterfesten Häusern und streckten ihre Fühler der Sonne entgegen. Der Bleicheröder lenkte seinen von zwei kräftigen Hengsten gezogenen Wagen auf der holprigen Landstraße der großen Stadt Leipzig entgegen. Er ahnte nicht, dass in den Körben hinter ihm seine Fuhre zu kriechendem, schleimigem Leben erwacht war. Er freute sich noch immer über seine Idee für den zusätzlichen Gelderwerb. 

Die Schnecken indes wurden immer munterer und mutiger. Sie krochen aus den Körben, über die Planken, in die Ritzen und auf die Sitze. Nach einiger Zeit wimmelte es überall von dem Getier, selbst dem Bleicheröder auf dem Rücken, der Schulter und sogar dem Kopf krochen die Weinbergschnecken. Die allermeisten Schnecken sind aber einfach in den warmen Frühling gekrochen und haben sich in den Wiesen und Hainen am Wegesrand an frischem, grünem Gras gelabt. In dem Augenblicke, als der Bleicheröder Bauer der Misere gewahr wurde, durchfuhr er die Tore zur Messestadt. In Windeseile liefen freche Buben, kreischende Marktweiber und grölende Zöllner herbei und lachten lauthals dem Manne ins Gesicht: Die Schnecken wimmelten überall herum und steckten ihre Fühler in die Sonne. Der Bleicheröder erkannte seinen Fehler und nach dem ersten Schrecken über die wimmelnden Schnecken lachte er einfach mit der Meute mit! Alsbald wurden die Bleicheröder „Schneckenhengste“ genannt. Bis heute tragen sie den Namen mit Stolz. 

 

Der Ritter aus dem Frankenland

Von gepeinigten Bleicherödern, bösen Räubern und edlen Rittern

Auf den Klippen des Vogelberges bei Bleicherode stand einstmals eine mächtige Raubritterburg. Kamen Kaufleute und andere Reisende an der Burg vorbei, gab es für sie kein Entkommen. Sie wurden überfallen, ausgeraubt und viele von ihnen gar getötet. Machten die Opfer den Eindruck wohlhabend zu sein, nahmen die Raubritter sie mit auf die Burg, sperrten sie in den Hungerturm und erpressten von deren Familien Lösegeld. Zahlten die Familien wie gefordert, wurden die Gefangenen wieder freigelassen, zahlten sie aber nicht, ließ man die Gefangenen einfach im Turm verhungern.

Das Raubgesindel war schnell im ganzen Land bekannt und gefürchtet. Reisende, die keine andere Route wählen konnten, heuerten Landsknechte an, um sich beschützen zu lassen. Schwere Zeiten, für Schnapphähne, die sich fortan bei ihren Raubzügen blutige Köpfe holten. So suchten die Räuber neue Opfer und fanden diese in den Bürgern der Stadt Bleicherode. Es waren schlimme Zeiten, keiner traute sich mehr die Stadt zu verlassen, nicht mal die Felder konnten mehr bestellt werden. In Bleicherode zog eine große Hungersnot ein.

Eines Tages jedoch gelangte ein fremder Ritter in die Stadt. Er kam von weit her, aus dem Frankenlande und er hatte schon viele Schlachten siegreich geschlagen. Da nahmen die gepeinigten Bleicheröder allen Mut zusammen und schilderten dem Fremden ihre Not. Sie flehten ihn an, sie doch von dem Raubzeug zu befreien. Der Ritter sah die Not und bot seine Hilfe an: Alle wehrfähigen Männer wurden mit ihren Waffen zum Rathaus gerufen. Zuerst machte der erprobte Recke aus dem wehrlosen, ungeordneten Bürgerhaufen eine organisierte, starke Bürgerwehr. So gerüstet und gestärkt zogen alle vor das Raubnest. Dreimal forderte der edle Ritter den Burgherrn auf, sich zu ergeben. Der schreckliche Raubritter lachte und verhöhnte ihn nur. Die Bleicheröder Bürger hatten jedoch, auf Geheiß des Franken, eine mächtige Buche gefällt. Aus dessen Stamm machten sie dann einen gewaltigen Rammbock, der von mehr als dreißig kräftigen Männern geführt werden musste. Auf Kommando des fränkischen Ritters begannen sie, das Burgtor zu rammen. Sieben Mal krachte das Holz auf Holz, bis das mächtige Tor splitterte und zerbarst. Die Bürgerwehr stürmte schwer bewaffnet mit Spießen, Äxten, Speeren, Morgensternen und Schwertern die Burg. Kein Räuber hatte die Chance gegen den kampferprobten Ritter und die wütende Bürgerwehr. Es wurde blutige Rache genommen. Der Raubgraf sah sich dem mächtigen Dorfschmied gegenüber, der ihn mit seinem riesigen Morgenstern schier zerschmetterte.

Dann wurden die Vorrats- und die Schatzkammer geöffnet und siehe da: alles was den Bleicherödern in den letzten Jahren geraubt worden war, lag dort beisammen. Alles wurde an die Besitzer zurückgegeben und was nicht zuzuordnen war, wurde zum Schluss verteilt. Und auch der edle Ritter aus Franken wurde reich belohnt.

Damit sich solch Raubzeug nicht wieder ansiedeln konnte und sich solch Unrecht nie wiederholt, wurde die Burg bis auf die Grundmauern geschliffen. Bald ritt der edle Franke weiter. Aus Dankbarkeit und zu seinen Ehren nahmen die Bleicheröder sein Abbild in ihr Stadtwappen auf. Auch wurde es in den Stein des Rathauses gemeißelt und so bis heute in Ehren und Andenken gehalten.


Wir haben Ihr Interesse an mehr spannenden Sagen geweckt?... Kein Problem!

In der Touristinformation, Hauptstraße 131, "Alte Kanzlei" erhalten Sie eine Broschüre "Sagen aus unserer Region", herausgegeben vom Heimat- und Fremdenverkehrsverband Bleicheröder Berge - Hainleite e.V., für nur 3,00 Euro. Hier wurden die schönsten und bekanntesten Sagen liebevoll zusammengetragen und mühevoll illustriert. Einem spannenden Schmöckerabend steht also nichts mehr im Wege. Und auch als kleines Mitbringsel oder liebevolles, von Herzen kommendes Geschenk ist unser Sagenheft bestens geeignet. Und das Allerbeste, der gesamte Erlös aus dem Verkauf kommt unserem Bleicheröder Heimatmuseum zugute. Also, besuchen Sie uns. Wir freuen uns auf Sie. Wir sind gern von Montag bis Freitag jeweils von 10.00 Uhr bis 12.00 Uhr und 13.00 bis 15.00 Uhr für Sie da.

 

Und hier noch einen kleinen Vorgeschmack auf mehr "Sagen aus unserer Region".

 

Das Burgfräulein der Löwenburg

Der Ritter auf der Löwenburg hatte eine Tochter. Sie war sehr schön, aber auch sehr stolz. Als der Burgherr viele Monate auf dem Kreuzzug war, verwaltete nun die Schöne ganz allein die Burg. An ihrem Gürtel hing ein großes Schlüsselbund, das zeigte, dass sie allein die Schlüsselgewalt zu allen Gemächern hatte. Des Ritters Tochter wollten viele junge Männer freien, da sie sahen, sie war nicht nur schön, sondern auch klug. Leider bekamen sie dann ihren Stolz zu spüren. Jeden wies sie höhnisch ab. Keiner konnte es ihr recht machen. So blieb sie unvermählt.

Bald schon bereute sie, die Freier vertrieben zu haben. Oft stand sie auf den Zinnen der Burg und wartete auf einen Bewerber. Doch niemand kam mehr. Keiner wagte es, um die Hand der stolzen Ritterstochter anzuhalten. Sie wurde eine traurige und einsame Frau.

Noch heute, besonders in den zwölf Nächten zwischen Weihnachten und Neujahr, geht sie auf der Löwenburg um. Dort schreitet sie umher im weißen Kleid, das große Schlüsselbund am Hüftgürtel und ihr langes, rotes Haar flattert im Nachtwind.

Sie wartet auf einen Freier, der sie erlöst. Doch das kann allein der vollbringen, der die Wunderblume findet. Leider blüht sie nur alle sieben Jahre am Johannistag.

Wenn also der Richtige kommt, wird ihn die einstmals so stolze Ritterstochter in ihren unterirdischen Palast führen und all ihre Schätze werden ihm gehören.

 

Die verstopfte Quelle
 
(Die Sage vom Kuhbrunnen)

Am Ende des Bleichtales liegt der Kuhbrunnen, so genannt, weil hier einst die Bleicheröder Kuhhirten ihre Herden zur Tränke trieben. Dort befindet sich auch eine starke Quelle. Hier hat der Bleichbach seinen Ursprung und schlängelt sich mit seinem kristallklaren Wasser durch die angrenzenden Wiesen ins Tal hinab. In grauer Vorzeit wohnte hier in der Quelle eine wunderschöne Nixe. Sie bewachte den munteren und starken Quell und hatte ihn mit einem grünseidenen Ärmel ihres Wasserkleides verstopft. Einst erschienen zwei Männer an dieser Quelle, um nach Pilzen zu suchen. Einer von ihnen erblickte den grünlich schimmernden Ärmel und wollte ihn herausziehen. Da rief plötzlich eine zarte Stimme: „Zieht den Ärmel nicht heraus, sonst stürzen gewaltige Wassermassen zu Tal. Alle Menschen und alle Tiere müssen dann ertrinken.“

 Die beiden Pilzsucher erschraken furchtbar, und fluchtartig verließen sie die unheimliche Stätte. Am Bleichbach entlang eilten sie der Stadt zu.

 Als sie sich von  ihrem Schrecken erholt hatten, erblickten sie auf einer Wiese nahe der Stadt eine große Anzahl schöner und köstlicher Pilze. Schnell waren die Körbe und Beutel bis oben hin gefüllt. Fröhlich schritten sie nach Hause. Sie wussten, den Pilzreichtum hatte ihnen die Nixe vom Kuhbrunnen beschert.